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Verdun - Der dritte Besuch in der Hölle von einst

Donnerstags früh am 25. Juli 2002 machten wir uns zum dritten Mal auf den Weg nach Verdun. Nach dem "einchecken" auf dem Campingplatz "Les Breuils" war das Memorial de Verdun mit dem Museum unser erster Anlaufpunkt, da wir einen Kameraden dabei hatten, der zum ersten Mal das Schlachtfeld besuchte. Das Museum (Eintritt 5 Euro) ist als Startpunkt für Erstbesucher sehr gut geeignet. Es sind große Mengen von Waffen, Uniformen, Ausrüstungsteilen, Bodenfunden vom Schlachtfeld, Photos und Dokumenten ausgestellt. Der Besuch einer ca. 15minütigen Filvorführung (mit deutschen Untertiteln) ist auch möglich und im Eintrittspreis inbegriffen.

Es folgt nun ein weiterer bebilderter Reisebericht, bei dem ich versuche, die geschichtlichen Infos mit unseren Reiseerlebnissen ineinander übergehen zu lassen. Der Bericht wird ergänzt durch diverse aktuelle und historische Photos, Statistiken, Augenzeugenberichten und einigen Gedichten des Hauptmanns der Reserve August Stramm.

Stramms Gedichte erwecken den Eindruck, das er sämtliche Worte, Eindrücke und Gefühle in dem Moment niederschrieb, in dem der sie auf dem Schlachtfeld erlebte. August Stramm fiel 1915 an der Ostfront in der Nähe von Brest-Litowsk durch einen Kopfschuß.
Aus seinen Gedichten von 1914/15 spiegeln sich bereits die von ihm erlebten Grausamkeiten des Krieges wieder; Stramm hatte wohl großes Glück, das er die Schlacht von Verdun nicht mehr erlebte. Eine Schlacht in der sich zwei große europäische Nationen gegenseitig aufrieben. Allein die Deutsche Armee schleuste über 1,2 Millionen Mann durch die "Blutmühle an der Maas", von denen jeder dritte verwundet oder getötet wurde!
 

"Wir verspürten keinen Haß gegenüber den Franzosen. Wir betrachteten sie als unsere Leidensgenossen. Sie kämpften wie wir, sie litten wie wir und sie starben wie wir..."

Deutscher Hauptmann und Überlebender von Verdun nach dem Krieg in einem Interview

In keiner kriegerischen Handlung der Weltgeschichte starben derart viele Menschen auf so engem Raum wie um Verdun. Für die Generäle war dies eine Schlacht wie viele andere, für die Soldaten, die sie an vorderster Front erlebten, war sie die Hölle auf Erden. So etwas hatte bis dato noch keiner von ihnen erlebt; beide Seiten fuhren über 3000 Geschütze und Minenwerfer aller Kaliber auf.
Auch heute noch, nach fast 90 Jahren, sind die Spuren des Kämpfens und Sterbens fast überall in beängstigendem Ausmaße zu sehen.

Auch dieses Mal bewegten wir uns auf Wald- und Feldwegen quer durch das Schlachtfeld und sahen die Relikte der Schlacht. Tonnen von Granatsplittern, Granaten, Handgranaten, Ausrüstungsteile und menschliche Knochen liegen noch immer umher. Wir dokumentierten unsere Funde durch die Photos auf diesen Seiten.
 

“Welch schreckliches Wort - VERDUN.
Massen  junger Menschen voller Hoffnung gaben hier ihr Leben. Ihre sterblichen Überreste liegen überall verteilt; in und um die Schützengräben, in Massengräbern und auf Friedhöfen...”

Ein deutscher Soldat in einem Brief an seine Eltern

”Manche Soldaten kehrten mit scheußlichen Wunden zurück. Ihre Haare und Augenbrauen waren versengt. An ihnen war nichts menschliches mehr; schwarze Kreaturen mit wilden Augen...”

Ein französischer Soldat über die Opfer der Flammenwerfer

Mit den historischen Bildern und Berichten vor Augen entsteht ein beklemmendes Gefühl, wenn man sich über das Schlachtfeld bewegt. Der Boden über den man wandelt glich einer zerwühlten Mondlandschaft. Zerfetzt und mit Granaten, Trümmern und Leichen bis zu einer Tiefe von über 10 m angefüllt.
Es ist praktisch unmöglich, das gesamte Gebiet von Blindgängern und Knochen zu räumen und dies wird sich auch in den nächsten 100 Jahren nicht ändern.

Knochenfunde werden zu den anderen Überresten von über 130000 nicht identifizierten französischen und deutschen Soldaten in das Ossuaire (Gebeinhaus) gebracht. 
Die "Knochenberge" sind durch Fenster in Bodenhöhe an den Seiten des Gebeinhauses zu sehen.

Sobald Waldarbeiter Blindgänger finden, werden die Fundstellen oder die Granaten selbst mit Leuchtfarbe markiert. Im Laufe der Zeit werden diese gefährlichen Funde von den Demineurs, dem französischen Kampfmittelräumdienst, abgeholt. Die Demineurs haben seit 1945 über 20 Millionen Granaten beseitigt und dabei über 600 Mann durch Unfälle verloren. Im Ersten Weltkrieg waren ca. 20 % der verschossenen Granaten Blindgänger. Viele von ihnen können zwar z. B. anhand des Zünders als deutsch oder französisch identifiziert werden, aber der Inhalt, Sprengstoff, Gas, Rauch oder Schrapnelle, bleibt unbekannt. Einige der Sprengstoffe, die wegen der Materialknappheit aus den verschiedensten Chemikalien gemischt wurden, sind instabil geworden, da sie nie für eine Langzeitlagerung gedacht waren. Auch das Phosgen, Diphosgen und Senfgas der Gasgranaten ist noch immer tödlich.
 

”Es gibt nichts ermüdenderes als das unaufhörliche, unwahrscheinliche Artilleriefeuer. Die Nacht wird von Lichtern durchzuckt, hell wie der Tag. Die Erde wackelt und bebt wie Pudding. Die Männer an der vordersten Linie hören nichts anderes mehr als das Trommelfeuer, das Wimmern ihrer verwundeten Freunde, die Schreie verletzter Pferde und die Schläge ihrer zitternden Herzen. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Nacht für Nacht.“

Augenzeuge

Schrapnell

Der Himmel wirft Wolken
Und knattert zu Rauch.
Spitzen blitzen.
Füße wippen stiebig Kiesel.
Augen kichern in die Wirre
Und
Zergehren.

Hauptmann August Stramm,
 
gefallen 1915  

An einigen Stellen des Schlachtfeldes fanden wir Granattrichter von gewaltigen Ausmaßen, die vermutlich von schwersten Granaten der Eisenbahngeschütze oder durch Minen (Wurfminen) verursacht wurden. Die im Ersten Weltkrieg verwendeten Minen dürfen nicht mit den heutigen, flachen Sprengkörpern zur Panzerabwehr und Anti-Personen-Minen verwechselt werden, die man im Gelände verlegt.
Die damals als Minen bezeichneten Geschosse ähneln einer Granate, werden jedoch von einem sogen. Minenwerfer im Steilfeuer auf relativ kurze Entfernungen (bis ca. 1500 m)  verschossen, die die Vorläufer der heutigen Mörser bzw. Granatwerfer waren. Auf deutscher Seite gab es z. B. den leichten (76 mm), mittleren (17 cm) und schweren (25 cm) Minenwerfer. Es wurde sogar ein sehr schwerer Minenwerfer (38 cm) entwickelt, der Minen von über 400 kg verschoß und u. a. auf dem Hartmannsweilerkopf im Elsaß eingesetzt wurde.
Es gab ganze Minenwerferkompanien die anfangs zur Pioniertruppe gehörten und später in die Infanterieregimenter eingegliedert wurden.

Links: Deutscher mittlerer Minenwerfer 17 cm mit Bedienungs- mannschaft von einem württem- bergischen Pionierbattalion.
Im Vordergrund eines der Geschosse (Gewicht ca. 50 kg, davon ca. 15 kg Sprengstoff).

Der schwere Minenwerfer 25 cm:

Der Minenwerfer ist ein Vorderlader und hat ein sehr kurzes Rohr, aus dem das Geschoß meistens hevor ragt und zwei pneumatische oder mit Öl gefüllte Zylinder, um den Rückstoß abzufangen und das Rohr wieder vorzuholen. Das Rohr hat nur wenige, sehr breite Züge (meistens nur 6); im Vergleich dazu hatten die Rohre der meisten Artilleriegeschütze 24, 32 oder mehr Züge. Im kupfernen Führungsring der Mine sind die Züge bereits vorgeschnitten, so daß die Mine beim Laden exakt in die Züge des Rohres eingesetzt werden muß. Unter die Wurfmine wird die Treibladung in einem Leinensack gepackt (bei der 76 mm Mine ist die Treibladung im Boden des Geschosses). Das Rohr sitzt auf einer Bodenplatte. Zum Transport wurden Räder an die Bodenplatte montiert.
Es gab jedoch eine ganze Reihe weiterer Konstruktionen, z. B. leichte Granatenwerfer (genannt “Priesterwerfer” oder "Taube"), Flügelminen die einer Rakete ähneln und von dünnen Rohren mit Treibladung verfeuert wurden, Gasminen und viele improvisierte Konstruktionen, zum Teil sogar Eigenbauten mit Zündschnüren.
Kennzeichen einer Mine war die im Verhältnis zum Gewicht der Granate sehr große Füllung mit hochbrisantem Sprengstoff. Bei normalen Sprenggranaten beträgt der Anteil von Sprengstoff zum Gesamtgewicht ca. 10 - 12 %, bei einer Mine ca. 50 %. So wog die gewaltige deutsche 24 cm Mine etwa 100 kg und war mit etwa 50 kg Sprengstoff gefüllt. Die Minen flogen fast lautlos und verursachten gewaltige Explosionen und riesige Krater von über 10 m Durchmesser. Es gab kaum einen Unterstand, war er auch noch so tief eingegraben, der einen Volltreffer aushielt. Es gab Fälle, wo man nach dem Einschlag einer Wurfmine nackte Leichen in den Bäumen fand. Die Soldaten wurden durch den gewaltigen Luftdruck förmlich "aus der Uniform geblasen".  
 

Land:

Verluste in Verdun (davon Tote):

Deutsches Reich

ca. 337 000 (ca. 100 000)

Frankreich

377 321 (162 308)

GESAMT:

714 231 (262 308)

Abweichend von den offiziellen Verlustzahlen (oben) spricht eine neuere französische Schätzung sogar von über 420 000 Toten und über 800 000 Verwundeten!


Bei unserem Besuch bestiegen wir auch erstmalig den Turm des Gebeinhauses, von dem aus man einen hervorragenden Überblick über das Schlachtfeld hat. Etwa in der Mitte des Turmes befindet sich noch eine kleine Ausstellung von Waffen, Granaten, Ausrüstung und in der Mitte des Raumes auch ein deutscher leichter Minenwerfer 76 mm.
Im Untergeschoß findet eine ca. 20 minütige mehrsprachige Filmvorführung mit alten Filmaufnahmen der Schlacht statt, deren Besuch zu empfehlen ist (Kosten Turmbesteigung 0,80 Euro; Filmvorführung 1,60 Euro).

Während unseres 3-tägigen Besuches, empfehlenswert ist min. 1 Woche, besuchten wir noch das Fort Vaux, Fort Douaumont sowie einige der relativ unbekannten Sehenswürdigkeiten und Kampfplätze, deren Namen allerdings dem Verdun-Interessierten wohl bekannt sind. Darunter das Dorf Vaux, den Vaux-Teich, den Bergwald und den Fumin-Wald. Im Fumin-Wald, der sich zwischen dem Fort Vaux und dem Vaux-Teich befindet, fanden heftigste Gefechte statt. Im Bergwald hinter dem Fort Vaux bluteten mehrere hessische Regimenter aus unserer Nähe. Die hessischen Infanterie-Regimenter 81 aus Frankfurt und 88 aus Hanau führten im August 1916 in diesem Gebiet einen erfolgreichen aber auch sehr verlustreichen Angriff durch.
Das Infanterie-Regiment 80 aus Wiesbaden und Bad Homburg gab Flankenschutz.
Diese Regimenter hatten Verluste von weit über 60 %!
Heute gleicht der Boden trotz Wald einer Kraterlandschaft; der Weg ist mit Granatsplittern regelrecht gepflastert. Wenn der Erdboden schreien könnte, wäre man taub...

”Jeder der in einem Granattrichter vor dem Trommelfeuer Schutz sucht, stolpert über glitschige, verweste Körper. Er hastet mit stinkenden Händen und Kleidern weiter.”

Ein französischer Soldat

Angriff

Tücher
Winken
Flattern
Knattern.
Winde klatschen.
Dein Lachen weht.
Greifen Fassen
Balgen Zwingen
Kuß
Unfangen
Sinken
Nichts.

Hauptmann August Stramm,
 
gefallen 1915  

”Und im Sommer die Fliegen. Diese Schwärme von Fliegen über den Körpern. Und der Gestank, der grauenhafte Gestank. Wenn wir Gräben ausheben mußten, steckten wir uns Knoblauchzehen in die Nasenlöcher...”

Ein deutscher Soldat

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