|
Verdun - Der zweite Besuch
Im Oktober 2001 besuchten wir zum zweiten Mal das Schlachtfeld von Verdun, wobei wir uns dieses Mal besonders auf das
Fort Vaux konzentrierten.
Das Fort Vaux wurde von 1881 - 1884 erbaut und 1888 durch eine 2,50 m starke Betonschicht verstärkt. Bewaffnet war es mit einem 75 mm Zwillingsgeschützturm und einigen Grabenstreichen, außerdem
waren noch 3 gepanzerte Beobachtungskuppeln vorhanden. Im Februar 1915 wurde das Fort von den Deutschen mit dem 42 cm Mörser “Dicke Bertha” beschossen und schwer beschädigt. Da den Franzosen das Schicksal der belgischen Sperrforts,
die von den deutschen 42 cm Mörsern bereits 1914 zerstört wurden, bekannt war, wurde ein Teil der Geschütze der Grabenstreichen entfernt und das Fort für eine Sprengung vorbereitet. Nach Beginn der deutschen Verdun-Offensive
wurden die Sprengschächte durch den Beschuß so schwer beschädigt, das eine Sprengung des Forts unmöglich wurde. Die Franzosen bereiteten sich darauf vor, das Fort, das für etwa 300 Mann Besatzung gedacht war, im Notfalle
aufzugeben. Am 09. März 1916 drangen die Deutschen bis zum Drahtverhau vor und gruben sich ein. Erst am 2. Juni konnten, nach einer mörderischen Artillerievorbereitung, bei der der Kommandant des Forts Vaux über 1000 Einschläge
pro Stunde zählte, die Infanterie-Regimenter 53 und 158 bis auf das Dach des Forts vordringen. Im Kehlgraben des Forts fielen viele Soldaten im Dauerfeuer der Grabenstreichen, da diese im Gegensatz zum Fort Douaumont besetzt waren.
Einige Soldaten konnten das Dach des Forts erklimmen und eine kleine Gruppe unter Leutnant Rackow vom Inf.Reg. 158 konnte sogar in das Fort eindringen. Es entwickelte sich nun eines der fürchterlichsten und erbarmungslosesten
Gefechte von Verdun, der Kampf im inneren des Forts Vaux. Das Fort, ausgelegt für 300 Mann, war mit über 600 Franzosen überfüllt, viele davon verwundet. Während die Deutschen das obere Stockwerk besetzten, befanden sich die
Franzosem im unteren Teil. Die Deutschen kämpften sich Tag für Tag und Nacht für Nacht mit Handgranaten und Flammenwerfern Meter für Meter durch das Fort. Der Kommandant des Forts, Major Sylvain Eugene Raynal, hatte befohlen, das
Fort um jeden Preis zu halten. Er ließ Schikanen und Sandsackhindernisse in den Gängen aufbauen, die von einem MG und einigen Handgranatenwerfern verteidigt wurden. Im Falle eines deutschen Vorstoßes sollten diese Hindernisse so
lange wir möglich kämpfen, danach sollte sich die Besatzung, Handgranaten hinter sich werfend, zum nächsten Hindernis zurückziehen und von dort weiterkämpfen. Die Zustände in den Gängen des Forts waren unvorstellbar, die
Sichtweite betrug weniger als 1 m, meistens noch weniger, da die Gänge mit dem schwarzen Qualm des Flammenwerferöls und Giftgas vom Beschuß gefüllt waren. Überall lagen Leichen in den Gängen. An einem Hindernis verbrannten 15
Franzosen auf einen Schlag bei lebendigem Leibe, als sie von deutschen Pionieren mit einem Flammenwerfer überrascht wurden. Major Raynal hatte noch mit einem schlimmeren Feind zu kämpfen, dem Durst. Die Zisterne des Forts war
nie für eine solche Menge Menschen, darunter viele Verwundete, ausgelegt worden. Das Trinkwasser mußte rationiert werden. Raynal schickte seine letzten drei Brieftauben los, um vom Fort Souville oder direkt aus Verdun einen
Gegenangriff zur Unterstützung zu erhalten, doch es kam nur eine Taube an, der das Bein mit der Botschaft fehlte. Es blieb ihm nur noch die Möglichkeit, ein Selbstmordkommando aus Freiwilligen zum Fort Souville zu entsenden, da
auch keine Blinkzeichen in Richtung Souville den Rauch der Granateinschläge durchdringen konnten. Es melden sich zwei Pionierfunker, die nach einem 4 m Sprung in den Kehlgraben im Trommelfeuer verschwinden. Raynal vermerkt bereits
den Tod der beiden Soldaten, doch wie durch ein Wunder kommen beide bis zum Fort Souville durch. Plötzlich kann Raynal Blinkzeichen vom Fort Souville erkennen, die ihm mitteilen, das ein Angriff
bevorsteht. Der 5. Juni bricht an und der Kampf in den Gängen tobt weiter. Pioniere können einige der Barrikaden sprengen und die Deutschen dringen weiter vor. Inzwischen ist die Zisterne im
Fort praktisch leer und die Soldaten beginnen, vor Durst fast wahnsinnig zu werden. Einige der Verwundeten trinken ihren eigenen Urin oder lecken Kondenswasser von den Wänden. Es herrscht ein schwüles, feuchtes und heißes Klima im
unteren Teil des Forts. Einige Franzosen versuchen aus dem Fort auf eigene Faust zu flüchten, werden jedoch von den deutschen MGs auf dem Dach getötet. Raynal läßt nun einige seiner Soldaten das Fort verlassen, unter ihnen den
Offiziersanwärte Buffet, der mit einer Nachricht nach Fort Souville gelangen soll. Aber kurz nachdem die Soldaten das Fort verlassen haben, werden sie von Maschinengewehrgarben erfaßt. Einige, zum Teil verwundet, schleppen sich
wieder in das Fort zurück und berichten, das ein Durchkommen unmöglich sei. Buffet ist nicht unter ihnen. Raynals Blinkapparat wird am Abend von einem Granatsplitter getroffen und drei Mann getötet. Doch es geschieht ein
zweites Wunder und Buffet kommt durch. Er berichtet General Nivelle persöhnlich von den Zuständen im Fort. Nivelle hängt ihm seinen eigenen Orden der Ehrenlegion an die Uniform und schickt ihn mit einer Nachricht zum Fort Vaux
zurück. Am späten Abend erreicht Buffet das Fort und teilt dem erstaunten Raynal, der ihn für tot hielt, mit, das ein Gegenangriff beginnen wird. Dieser findet erst gegen 6:00 Uhr am Morgen des 6. Juni statt, doch das
angreifende Bataillon wird von den deutschen MGs auf dem Dach des Forts zusammengeschossen. Der Angriff ist schon gegen 7:00 Uhr gescheitert und Raynal verliert jegliche Hoffnungen. Er beschließt, nach 12 Stunden ohne Entsatz zu
kapitulieren. Am Abend greifen 3 französische Regimenter das Fort an, darunter auch ein Kolonialregiment. Doch auch dieser Massenangriff wird von den Deutschen zerschlagen. In den frühen Morgenstunden des 7. Juni 1916 blinkt Raynal
mit dem inzwischen reparierten Apparat seine letzte Nachricht nach Fort Souville: “Wir werden ehrenvoll kapitulieren. Unsere Pflicht ist getan. Es lebe Frankreich!”
Raynal beginnt den
Kapitulationsbrief zu verfassen, in dem er alle Soldaten und Waffen im Fort gewissenhaft auflistet: 11 Offiziere, 47 Unteroffiziere, 400 unverwundete Soldaten, 87 Verwundete, 29 Krankenträger, 12 MGs, 18 Minenwerfer, 1000
Handgranaten usw... Er schickt einen jungen Leutnant zum Eingang des Forts, um den Deutschen den Brief zu übergeben. Dieser wird schließlich zum deutschen “Fortkommandanten” Hauptmann Gillhausen geführt. Als der Leutnant der
Reserve Werner Müller in Begleitung der französischen Unterhändler das Fort betritt, stehen die Franzosen in Linie und grüßen. Er wird zu Raynal geführt, der ihm formell das Fort übergibt. Müller reicht Raynal die Hand und erhält
von ihm als Andenken seine lederne Kartentasche. Er wiederum macht Raynal das wohl schönste Geschenk, als er ihm aus seiner Feldflasche Kaffee eingießt. Nachdem er von Raynal durch das Fort geführt wurde trifft er mit Hauptmann
Gillhausen zusammen, dem er per Offiziersehrenwort erklärt, das sich keine Sprengvorrichtungen mehr im Fort befinden. Inzwischen mischen sich die Deutschen unter die Franzosen und verteilen Kaffee und Wasser. Noch kürzlich
verfeindete Soldaten tauschen Schulterklappen und Kragenspiegel aus, da sie zufällig die gleiche Regimentsnummer haben. Wie durch ein Wunder überwiegt nun wieder die Kameradschaft der Frontsoldaten, die sich über Freund und Feind
hinwegsetzt. Mit allen militärischen Ehren verlassen nun die geschlagenen Franzosen das Fort, währen deutsche Sanitäter die Verwundeten bergen. Major Raynal verläßt als letzter Franzose das Fort Vaux und begibt sich zum deutschen
Divisionsstab, wo er von General von Engelbrechen als tapferer Gegner empfangen wird. Kurz danach wird er sogar vom Kronprinzen mit allen Ehren empfangen. |